HGT Talk (Uwe Heil & Walter Liederschmitt "Woltähr")

"Moß de heit morjen nöt noch ön de Schul - oder haos de heit frei?" - "Wär doch ab on zu maol e bissi mieh Spaaß derbei!"

"Hols' de mich da' mit? Dat ging ich emo gär siehn, okeh?" - "Söcher! Komm her, komm doch aafach möt ön't HGT!"

"Wat öß dat? Kaan Heilgymnasdikanstalt - oder doch?" - "Nä, Siech - Heil! göt nöt geschrajt - Gymnasdik göt et ömmer noch."

NON SCHOLAE SED VITAE (discimus): Nicht für die Schule - fürs Leben (lernen wir)! Dä Blöck off Schularschidekdur, propper Fassaden, gieht dorch all Wänn dorch - dronner liecht e Stöck Strand!

"Hinde'bursch-Gymnasium - en Mildärakademie?" - "Iwerhaap nöt - Rathaus on Theater vis-à-vis - "

"Forumskino, Synagooch, e griechisch Restorang - " - "t öß wat wie e Multikulti-Etablissemang!"

"Goar kaan Hinde'burschen, goar kaan Barraskäpp öm Block?"

"Goar nöt. Fraaleit sei' sugoar gelieden - seit 'em Mini-Rock!"

NON SCHOLAE SED VITAE ...

"Wufier heißt die Schul dann nao em Generalfeldmarschall?" - "Weil se'n Altgediente wollten, su bekloppt waoren se all!"

"On dat 's nie geännert gänn? Dän Nejbau, su wat Fein's - " - "Nä, den neijen Naomen liecht ön em Pabierkorb lang ö Mainz."

"Die Front picco bello - nur dä Schröftzoch, wat dä soll - ?" - "Na ja, nöt dän Naomen - wat daohönner öß, dat spillt hei n Roll!"

NON SCHOLAE SED VITAE ... Sous les pavés la plage! (Unter dem Pflaster liegt der Strand) Paris, Mai '68

 

Aus dem Jahresbericht des HGT 1998-99 >

"Mußt du heut' morgen nicht noch in die Schule - ? Wie ich dazu komme, mit meinem Freund Uwe Heil zusammen so ein Lied zu "schmieden"? Nun, er hat mich mal gefragt, was das eigentlich für 'ne Schule sei, in die ich da immer noch (oder: schon wieder) gehe - und die in Trier nur mit H. G. T. abgekürzt wird ...
Unsere Schule ist im Oktober 1917, in einer Phase des letzten Aufbäumens gegen die drohende Niederlage im 1. Weltkrieg, nach dem Generalfeldmarschall Paul von Hindenburg, 70, dem Sieger von Tannenberg (1914), benannt worden. Der den Schülern der ehemaligen Knabenbürgerschule, inzwischen zum Königlichen Realgymnasium erhoben, in einem Dankesschreiben zurief: "Seid eingedenk der ernsten, schweren Zeit und werdet ganze Männer!" Siehe dazu auch das Kriegsgefallenendenkmal für Lehrer und Schüler auf unserem Schulhof.

13 Jahre später (im Okt. 1930) wurde Hindenburg, inzwischen Reichspräsident der Weimarer Republik, auch Ehrenbürger der Stadt Trier. Als man noch nicht ahnen konnte, daß er einen Hitler sträflich unterschätzen und die Ermordung der Röhm-Putschisten 1934 sogar dulden würde. Seitdem hat man in Trier zwar die Kandarre abgestreift, an die einen die Nazis - keine 13, nein, für 1000 Jahre - legen wollten, hat es aber nie für nötig befunden, die dem vorangehende, über 100jährige Phase preußisch-wilhelminischer Fremdbestimmung in den Jahren des politischen wie geistigen Neubeginns nach 1945 gleich mit zu überwinden. Schulen, Straßen und eine Brücke heißen immer noch nach fragwürdigen "Würdenträgern" von Preußens Gnaden: nach Kaiser Wilhelm und seiner Frau (Auguste Viktoria), nach Friedrich Wilhelm (dem III. und dem Kronprinzen), nach Militärs wie Gneisenau und Moltke, Roon, Blücher, Göben, Horn. Man ignoriert schlichtweg die Tatsache, wie unglücklich die Trierer eigentlich immer waren, von den "Saupreußen" (Karl Marx) kujoniert zu werden!

Die leidige Diskussion um das H.-Gymnasium an der H.-Straße bräuchte es aber gar nicht mehr zu geben, hätte das Kultusministerium in Mainz 1959 einem Antrag des Lehrerkollegiums und Elternbeirats entsprochen, die Anstalt in "Staatl. neusprachl. Gymn. am Augustinerhof" umzubenennen. Als der Neubau, wie er im Wesentlichen heute noch dasteht, bezogen werden sollte und ein günstiger Zeitpunkt für eine Namensänderung gekommen zu sein schien...
Wenn es im Lied schließlich heißt, der neue Name sei damals "in einem Papierkorb in Mainz" verschwunden, so ist dies eine sehr verkürzte Darstellung der entsprechenden Gegeninitiativen von interessierter Seite, den Namen HGT doch noch zu retten... (Lies: Konrad Bohr, Kurtrierisches Jahrbuch/KTJ 1994, S. 291-99.) Aber auch die französische Militärregierung (1945-49) oder die inzwischen gewonnenen Partnerschulen in England und Frankreich haben den Namen nie beanstandet.

Seit die ersten zwei, drei Schülerinnen hier in der Minirockzeit, 1967/68, gesichtet wurden, aus Anlaß einer schulübergreifenden AG, kommt niemand mehr auf den Gedanken, die einst reine Jungenschule sei eine Jungfuchs- oder Kadettenanstalt. Aber der immer noch bestehende Name des Etablissements irritiert. Was spräche denn dagegen, für diese frankophile, weltoffene Schule einen ihr gemäßeren Namenspatron zu finden? Der andeutete, daß man durchaus aus der Geschichte lernen kann. "Non scholae..." Nicht für die Schule - sondern fürs Leben! Soviel ich von meinem alten Latein- und Geschichtslehrer Reinspitz, HGT, mit auf den Weg bekommen habe.


Walter Liederschmitt (von 1960-69 Schüler, seit '93 auch Eng+Frz-Lehrer an eben diesem Etablissemang)




In der Nacht zum 11. 4. 1998 hatten Unbekannte den schon früher diskutierten Namen "Gymnasium am Augustinerhof" (1959/60) oder "Heinrich-Heine-Gymnasium" ihre ganz persönliche Alternative hinzugefügt. (Klar, daß der Hausmeister das morgens ganz schnell wieder weggemacht hat.)

 

Zureichender Grund

Als der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, der Sattler Friedrich E., gestorben war, gelang es der Reaktion, den Generalfeldmarschall Paul von H. zum Nachfolger wählen zu lassen. Dieser hatte mehrfach öffentlich erklärt, die Bibel und das Exerzierreglement seien die einzige Lektüre seines Lebens gewesen.

In einem grauen offenen Auto fuhr der Verlierer des ersten Weltkrieges über die Siegesallee zu seiner Amtsübernahme in die Hauptstadt ein. Herr B. ließ sich dieses Ereignis nicht entgehen. Er stand mit dem Stückeschreiber Carl Z. unter der jubelnden Menge und sagte: "Am Ende des ersten Viertels im zwanzigsten Jahrhundert der Christenheit holten sie einen Mann in die Stadt und erwiesen ihm höchste Ehren, weil er noch nie ein Buch gelesen hatte."

Geschichten vom Herrn B. 111 Brecht-Anekdoten, aufgeschr. von André Müller und Gerd Semmer. Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1968 S. 26

 

Der kaiserliche Statthalter

Die Figur des hölzernen Hindenburg wird abgebrochen und als Altmaterial verkauft. (Zeitungsnachricht 1919)

Dem in allen Intrigen wohl erfahrenen Herrn von Tirpitz ist es gelungen, Herrn von Hindenburg zur Annahme des Kandidatenpostens zu bewegen. Die Komik, die darin liegt, daß der alte Offizier sich erst die Zustimmung seines obersten Kriegsherrn zu diesem politischen Schritt einholt, tötet nur in Deutschland nicht - die Kandidatur wird durchaus ernst genommen. (...)

Es scheint mir Pflicht des anderen Deutschland, darauf hinzuweisen: Die Eigenschaften des Herrn von Hindenburg, die als "preußische Tugenden" ausgegeben werden, sind Fehler schlimmsten Grades. Seine Sturheit, seine Unbildung, sein völliger Mangel an Welterfahrung machen ihn vielleicht zu einem Ideal einer Kadettenanstalt - mit dem besseren Teil Deutschlands hat diese Gestalt überhaupt nichts zu schaffen. (...)

Hindenburg ist: Preußen. Hindenburg ist: Zurück in den Gutshof, fort aus der Welt, zurück in die Kaserne. Hindenburg bedeutet: Krach mit aller Welt, unaufhörliche internationale Schwierigkeiten, durchaus begründetes Mißtrauen des Auslandes, insbesondere Frankreichs gegenüber Deutschland. Hindenburg ist: Die Republik auf Abruf. Hindenburg bedeutet: Krieg.

Man soll nicht nur gegen ihn stimmen. Man soll auch aussprechen was ist, und eine Gesinnung verwerfen, die schon einmal den geistigen Niederbruch des Landes herbeigeführt hat.

Kurt Tucholsky (1925). Siehe: Gesammelte Werke, Band 4, Rowohlt 1975, stark gek. nach S. 95-97

 

Hindenburg und sein Ruhm

Wir haben ihm zum Schluß gar nicht mehr gesagt, wo die einzelnen Korps standen. (Oberst Bauer)

Der Generalfeldmarschall von Hindenburg gehört zu jenen artigen Kindern Fortunas, die schon bei Lebzeiten in die große Legende eingehen. Scharfkantigen Geistern und geladenen Temperamenten wird solch ein Vorzug nicht zuteil. Auch die Göttin des Glücks ist bequem wie alle Erzieher. (...)

Die Legende ist ihm immer treu geblieben. Den vorlauten, hoffärtigen Schüler Ludendorff hat sie verworfen und schließlich auf der Eselsbank abgeladen, den schlichten Hindenburg, der stets nur geantwortet hat, wenn er gefragt wurde, dagegen zum Primus gemacht. Sie hat Tannenberg anekdotisch ausgeschmückt, indem sioe die Geschichte von der jahrelang zurückliegenden Konzeption der Ostpreußenschlacht erfand. Ja, sie erfand die freundliche Idyllik des pfeifeschmauchenden Pensionärs zu Hannover, der sich die Mußestunden mit der Skizzierung der Idee vertreibt, wie man am besten hunderttausend Russen ersäuft. (...)

1918 finden wir ihn auf dem Boden der Tatsachen. Das war vernünftig, aber nicht ganz royalistisch. Verachtung kommt über die türmende Dynastie. Doch dem alten Generalissimus jauchzt man zu. Er hält zum Volk, posaunt Fama. Vergessen, daß sein beliebter Name ebenso wie der Ludendorffs die Politik der Kriegsverlängerung gedeckt hat. Vergessen sein entsetzlich ahnungsloser Ausspruch, daß ihm der Krieg wie eine Badekur vorkommt. Vergessen, daß er noch 1918 das barbarische Anbinden zur Erhaltung der Manneszucht notwendig hielt. Vergessen, daß er so ganz nebenbei auch den Krieg verloren hat. In dieser Stunde wird die Legende vom Retter geboren, und ein paar Jahre später hat die erstarkte Reaktion den Tip für ihre historische Rechtfertigung. In den Tagen allgemeiner Auflösung, heißt es, hat ein kaiserlicher General das Heer geordnet zurückgeführt und Deutschland aus der Anarchie gerettet. (...)

Der 2. Oktober (1927) wird zu einem ungeheuren Jubelfest aller Schwarzweißroten... Der alte Herr hat seine Sache als Probekaiser gut gemacht... Und es gibt allerhand wilde Linksradikale, die, wenn man Hindenburg sagt, jenes geheime Beben verspüren wie manche überzeugte Atheisten, wenn der Name Gottes fällt... (Nichts) kann die Tatsache verdecken, daß dies Oberhaupt des Reiches von seinen Anhängern nur als historisches Provisorium, als Übergang in ein Ungewisses betrachtet wird. Hinter ihm steht nicht mehr die Gewißheit republikanischer Kontinuität, sondern ein gefährliches Vielleicht.

Carl von Ossietzky, Die Weltbühne, 27. 9. 1927. Siehe: C. v. Ossietzky, Rechenschaft. Publizistik 1913-33. Fischer Tb. 5188, 1984, S. 80-83 (gek.)

 

Aus dem Jahre 2003 - in Trier - 3 Leserbriefe an den Trierischen Volksfreund:

TV 5. 2. 03 An Hitler ausgeliefert Zum Bericht "Böhr mahnt: Niemals vergessen" (TV vom 28. Januar): Jedes Jahr am 27. Januar gedenken wir auf Anregung des früheren Bundespräsidenten Roman Herzog der Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz. In diesem Jahr diskutierten die Abgeordneten des Rheinlandpfälzischen Landtages in 61 Veranstaltungen mit Schülerinnen und Schülern über dieses dunkle Kapitel der deutschen Geschichte. Auch das Hindenburg-Gymnasium hat sich daran beteiligt. Zu loben ist vor allem auch die Organisation eines Projekttages, der den Schülern die Chance bot, sich über sechs verschiedene Themenbereiche zu informieren und mitzudiskutieren. Dem Bericht ist nicht zu entnehmen, ob sich eines der angebotenen Themen auch mit der historischen Rolle des Namensgebers der Schule befaßt hat. Dies hätte sich auch im Hinblick darauf aufgedrängt, weil er es war, der vor 70 Jahren am 30. Januar 1933 die Weimarer Republik an Hitler ausgeliefert hat. Was folgte, ist bekannt: Tyrannei, Krieg, Massenmord, Auschwitz... Heinrich A. Winkler, einer der bedeutendsten deutschen Historiker ("Der lange Weg nach Westen"), folgert daraus: "Es gibt keinen Grund, der es rechtfertigen würde, Hindenburg in der Liste der Ehrenbürger zu belassen." Für eine Schule, die die Werte einer freiheitlichen, demokratischen Rechts- und Gesellschaftsordnung vermittelt, gelten dieselben Maßstäbe.

Christoph Grimm 54292 Trier (RLP-Landtagspräsident / SPD)

 

TV 5. 3. 03 (erst 1 Monat nach C. Grimms Beitrag abgedruckt): Skandalös Zum Beitrag "Böhr mahnt..." (TV 28. Jan.) und zum Leserbrief "An Hitler ausgeliefert" (TV 5. Feb.): In Berlin diskutiert man, ob ein Steigbügelhalter für Hitler wie Paul von Hindenburg weiterhin Ehrenbürger der Stadt sein kann. In Trier hat man schon vor Jahren die Diskussion um die Ehrenbürgerwürde von Hitler selbst damit abgetan, daß er diese "durch seine Taten selbst verwirkt" habe, eine offizielle Aberkennung also nicht mehr nötig sei. Wie man sich nun im Falle Hindenburgs - als Ehrenbürger der Stadt Trier, 1930 - erklären wird, ist noch nicht bekannt. Bekannt sein sollte allen trier-bewussten Bürgern, dass "uns" die prominentesten Namen höherer Schulen wie "Friedrich-Wilhelm-Gymnasium" (1896), "Auguste-Viktoria-Gymnasium" (1913) und "Hindenburg-Gymnasium" (1917) von einer wilhelminisch-preußisch dominierten Obrigkeit aufgedrückt wurden - was nie und nimmer im Sinne der Ur-Trierer war! In einer Zeit, als gegen den so genannten Erbfeind Frankreich Stimmung gemacht und der Erste Weltkrieg vorbereitet, dann auch durchgezogen wurde. Es ist merkwürdig, dass man sich hier nie von diesen Erblasten distanziert hat. Wo man doch nach 1945 mit soalten Zöpfen hätte aufräumen können. Es ist ein Skandalon, das Jahrzehnte lang unter den Teppich gekehrt worden ist: dass eine frankophile Schule wie das HGT (mit bi-lingualem Zweig und frz. Abi-Bac, inzwischen) als Namenspatron immer noch so einen alten Barraskopp und senilen Oppa, der den aufkommenden Faschismus falsch eingeschätzt hat, im Namen trägt! Und dass der Herr Reichspräsident, der mitgeholfen hat, die Weimarer Republik zu liquidieren, noch Ehrenbürger der Stadt Trier bleibt. Wie oft müssen sich der Karl Marx (in London), der Fischers Maathes (vom Breitenstein) und der Franz Weissebach (vom Palastgarten) noch im Grab 'rumdrehen, bis das hier geregelt worden ist?

W. Liederschmitt "Woltähr" 54295 Trier

Und - in Ergänzung meines Leserbriefs vom 5. März - dieser hier vom TV aber nicht veröffentlicht: "Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur" schrieb der General von Hindenburg 1914 an seine Frau. Den jungen Kriegsfreiwilligen auf den Schlachtfeldern Flanderns wurde der Kriegseinsatz zum Blutbad - der General drei Jahre später zum Namenspatron eines Gymnasiums in Trier. In einer Zeit, da die Jugend in aller Welt und auch in Trier gegen den Krieg (im Irak) demonstriert, sollte man den Mut aufbringen, endlich diesen historischen Mißgriff zu korrigieren.

Gerhard Erfurt 54298 Igel (25. 3. 03)

 

Neuerliche Leserbrief-Schlacht für und wider Hindenburg im Trierischen Volksfreund (TV) seit 1. Feb. 2008

Dokumentation folgt ...